Welche Vorteile hat ein Anergienetz gegenüber individuellen Lösungen oder einem Fernwärmeanschluss?
Skizze zum Prinzip eines Anergienetzes. A. Kisters © ErdwärmeDich 2025
von Katja Rodi und Klaus Berger
Ein Anergie- oder Erdwärmenetz verteilt die Kosten und Risiken einer Erdwärmebohrung auf das ganze Netz. In der Theorie ist das Netz beliebig skalier- und erweiterbar, es ist kombinierbar mit Solarenergie und Abwärmenutzung und es ist offen für weitere technische Fortschritte. Allerdings sind die Strukturen derzeit erst im Aufbau und die Umsetzung ist mit mehreren baulichen Maßnahmen sowohl an den Gebäuden als auch im öffentlichen Raum verbunden. Des Weiteren handelt es sich um eine Kollektivversorgung, sodass ein Ausbau des Netzes nur bei einer Beteiligung mehrerer Bürger:innen möglich ist. Somit stellen Erdwärmenetze zwar eine zusätzliche Lösung der nachhaltigen Wärmeversorgung dar, doch die Anwendung ist noch nicht weit verbreitet. Ein Anschluss an ein Erdwärmenetz ist somit erst mit einiger Vorlaufzeit möglich.
Daher stellen sich Hauseigentümer:innen eventuell die Frage, ob sie sich eine Luftwärmepumpe anschaffen sollten oder sich an das Fernwärmenetz anschließen lassen. Aber es gibt gewichtige Argumente, die für eine genossenschaftliche Lösung sprechen, die ErdwärmeDich anbietet.
1. Soziale Gründe, die für gemeinschaftlich organisierte Wärmenetze sprechen
Zunächst die sozialen Argumente für eine gemeinschaftlich organisierte Lösung: Wesentlicher Teil der Energiewende ist die Umstellung unserer Heizungen. Damit stehen wir Heizende vor sehr vielen Fragen etwa zum günstigsten Zeitpunkt, zur besten Lösung oder zur Finanzierung und vielen Fragen mehr. Auch begegnen uns in diesem Zusammenhang irreführende Beiträge, hinter denen Lobbyinteressen stehen. So werden z.B. alternative, regenerative Gase versprochen, verbunden mit der Aufforderung, das Gasnetz nicht stillzulegen (Weser Kurier vom 11.09.2025).
Der Zusammenschluss von engagierten Bürgerinnen und Bürgern im ErdwärmeDich e.V. oder ErdwärmeDich Anergienetze eG führt zunächst dazu, dass der Wust von Fragen zur Gebäudewärme nach und nach geklärt werden kann, z.B. in einer unserer Vortrags- oder Veranstaltungsreihen, aber auch im Fortschreiten von Machbarkeitsstudien, Wirtschaftlichkeitsberechnungen von Ingenieurbüros und Pilotprojekten. Gemeinsam erkennen wir irreführende „Lösungen“ besser, als wenn wir auf uns allein gestellt sind.
Jeder kann bei uns mitmachen: Mieterhaushalte wie Eigentümerhaushalte. Arme wie Reiche. Umweltinteressierte wie Sparfüchse, technisch Versierte wie Ungebildete und an Technik Verzweifelnde. Die Kosten und Risiken werden geteilt, der Gemeinsinn wird betont, die Bereitschaft für gemeinschaftliches Handeln gestärkt und der Individualisierung entgegengewirkt. Die Genossenschaft ist eine ideale Form für lokales, dezentrales und demokratisch kontrolliertes Eigentum, nach dem Prinzip „ein Mitglied - eine Stimme“.
2. Technische Gründe, die für ein gemeinschaftlich organisiertes Anergienetz sprechen
Offensichtlich funktionieren Luftwärmepumpen, und sie tun es im kälteren Skandinavien schon lange. Erdwärmepumpen sind jedoch haltbarer als Luftwärmepumpen, weil sie unter gleichbleibenden Bedingungen arbeiten. Lufttemperaturen schwanken erheblich mehr als Erdwärme. Insbesondere sind die Lufttemperaturen im Winter, d.h. in der Zeit, in denen Heizen auf jeden Fall notwendig ist, niedriger als in den anderen Jahreszeiten. Luftwärmepumpen müssen daher mit sehr unterschiedlichen Anforderungen umgehen, die zu einem schnelleren Verschleiß führen.
Weiter ist die Lärmbelastung zu berücksichtigen. Ein neues Kältemittel erlaubt zwar inzwischen, die Anlage direkt vor das Haus zu setzen, da diese Fabrikate sehr leise sind. Aber in Summe würde ein Lärmpegel erreicht, der den bisherigen auf jeden Fall übersteigt.
Bei großer Hitze stünden Erdwärmepumpen außerdem – anders als Fernwärme – auch zu passiver Kühlung zur Verfügung. Luftwärmepumpen können zwar auch kühlen, erwärmen damit aber in der Menge auch die Stadt in erheblichem Umfang. Erdwärmepumpen dagegen führen die Wärme wieder in die Erde zurück und speichern sie dort für das folgende Jahr.
Ein weiteres technisches Argument ist, dass kalte Netze in der Stadt modular entstehen und sukzessive zusammenwachsen können. In der Bauphase sind daher die Belastungen weit geringer als diejenigen der Fernwärme mit den riesigen Stahlrohren und ihrer Ummantelung, die nur unter der Fahrbahn Platz finden. Dies mag einer der Gründe sein, warum das Wärmeplanungsgesetz und die Leitfäden hierzu gemeinschaftliche Lösungen und insbesondere Genossenschaften besonders hervorheben.
3. Wirtschaftliche Gründe, die für ein gemeinschaftlich organisiertes Anergienetz sprechen
Ein Erdwärmenetz ist im Vergleich zu allen Wärmepumpenlösungen am kostengünstigsten. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Aufgrund der genossenschaftlichen Organisation der Erdwärmenetze müssen die Heizparteien bei der Umstellung ihres Heizsystems nicht die sonst notwendigen hohen Anfangsinvestitionen bezahlen. Die Genossenschaft finanziert dies. Die Genossen bzw. Genossinnen werden, so unser Ziel, nicht mehr zahlen als ihre bisherige Gasrechnung. Gewinne werden nicht gemacht, verkäuflich ist unsere Firma auch nicht.
Die Genossenschaft nutzt die Förderkulisse „Bundesförderung für Effiziente Wärmenetze“ (BEW), die bei mehr als 16 Beteiligten eine Förderung von Netzen mit 40 % ermöglicht. Darüber hinaus gibt es evtl. weitere Zuschüsse, wie die der Kommune für unsere Pilotprojekte und wahrscheinlich Bürgschaften.
Auch die Betriebskosten sind bei Erdwärme niedriger als bei Luftwärme. Dies ist hauptsächlich aufgrund der konstant bei 12 bis 15 Grad liegenden Erdwärme der Fall. Eine Luftwärmepumpe muss bei sehr niedrigen Temperaturen erheblich mehr Energie einsetzen, um die erforderliche Vorlauftemperatur zu erzeugen. Der Strombedarf ist dann zwei- bis dreimal so hoch. Im Ergebnis kann eine Kilowattstunde Strom mit einer Luftwärmepumpe 2 bis 3 KW Wärme erzeugen, mit einer Erdwärmepumpe sind es 4 bis 5 KW Wärme. Stromspitzen sind dadurch an besonders kalten Tagen und Nächten nicht so hoch und das Stromnetz wird im Falle einer Dunkelflaute weniger belastet.
In einem „kalten Erdwärmenetz“ (Anergienetz) sind mindestens 17 Heizparteien zusammengeschlossen. Eine größere Zahl angeschlossener Gebäude mit unterschiedlichen Heizprofilen erlaubt eine bessere Auslastung und damit bessere Wirtschaftlichkeit für jedes Objekt. In einem gemeinschaftlichen Netz ist nicht für jedes Haus eine Bohrung notwendig. Damit sind weitere Effizienzgewinne in Netzen möglich.
Netze erlauben zudem die vielbeschworene Technologieoffenheit durch den Anschluss an industrielle Abwärme, an solarthermische Quellen, an Flusswärme usw. Einzelnen Häusern sind solche Anschlüsse in der Regel nicht zugänglich.
Verglichen mit Fernwärme, ist der Aufwand für die notwendigen Rohre der Anergienetze wesentlich geringer. Kalte Netze bestehen aus einfachen Polyethylen-Rohren von maximal 20 cm Durchmesser, die man im Baumarkt erwerben kann. Es sind Rohre, die über 100 Jahre halten, anders als die verschweißten Stahlrohre mit einer Lebensdauer von 40 bis 50 Jahren, deren Dämmung nach 30 bis 40 Jahren verrottet.
FAZIT
Ein kaltes Netz in unserer Hand, unabhängig von Putin, Trump und den Scheichen, ist somit in vielfacher Hinsicht besser. Fernwärme wird zwar eine zusätzliche Option sein, aber eine teure, nicht CO2-freie und durch den Wärmeleitungsverlust und die Notwendigkeit, auch im Sommer Wärme zu liefern, weniger ökologisch als Erdwärmenetze.
Ein kaltes Netz ist ein mehr oder weniger unsichtbares Netz. Stünden Luftwärmepumpen vor jedem Haus oder unter den Fenstern, würde unsere Stadt einem tropischen Ort mit seinen allgegenwärtigen Klimaanlagen ähneln. Mit unserem kalten Netz im heimischen Keller oder der eigenen Etage hat dann jeder das Gerät, das den eigenen Wünschen angepasst ist.